Dorothee Binding befragt William Youn

Kannst Du Dich an Deine erste Begegnung mit dem Klavier erinnern?

William: "Das war in meinem Kindergarten in Korea, ich war 6 Jahre alt. Wir haben Lieder gesungen und unsere Lehrerin hat uns am Klavier begleitet. In der Pause bin ich ans Klavier gegangen und habe ausprobiert, wie es funktioniert
Ich habe meinen dann Eltern gesagt, dass ich unbedingt Klavier lernen möchte. Damals war in Korea die Zeit des Klavierbooms, so wie in den 70ern in Japan. Es gab private Musikschulen, vor allem Mädchen durften Klavier lernen. Auch meine Schwester hatte Klavierunterricht und ich habe sie ein paar Mal begleitet. Mit 8 Jahren bin ich zu einer Klavierlehrerin gegangen, die sehr ehrgeizig war. Dann hatte ich eine Gelegenheit, einer koreanischen Lehrerin vorzuspielen, die seit 30 Jahren in den USA lebt und Professorin am Konservatorium in Boston ist."

Wie war Euer erstes Treffen?

William: "Ich habe ihr das 2. Konzert von Chopin vorgespielt und erwartet, dass sie ganz beeindruckt sein wird. Sie hat aber nur immer weiter nach anderen Stücken gefragt, und ich habe gespielt und gespielt. Gleich am nächsten Tag hatte ich meinen ersten Unterricht bei ihr - mit dem Chopin - Konzert. Sie hat Dinge gesagt, die mich total irritiert haben, ich wollte aber unbedingt mit ihr weiterarbeiten, weil ich verstehen wollte, was alles möglich ist auf dem Klavier."

Mit Hilfe eines Stipendiums bist Du dann auf ein Internat nach Boston gegangen.

William: "Es war ein relativ kleines musisches Gymnasium mit 200 Schülern. Für mich war es faszinierend, mit anderen Kunstformen wie Tanz, Bildende Kunst und Theater in Kontakt zu kommen."

Da warst Du 13 Jahre alt, hattest Du Heimweh?

William: "Manchmal habe ich meine Eltern und meine Familie vermisst. Aber es gab immer Menschen, mit denen ich sprechen konnte. Meine Lehrerin war wie meine zweite Mutter und ich hatte einen netten Mitbewohner. Alles war ganz anders, das hat mich sehr fasziniert. Diese Jahre waren sehr wichtig für mich, denn es waren die ersten Jahre in meinem Leben, in denen ich sehr viel und intensiv gearbeitet habe."

Fünf Jahre später bist Du nach Hannover gegangen, in die Talentschmiede von Karl-Heinz Kämmerling.

William: "Der Anfang war sehr schwer für mich, weil ich den engen Kontakt zu meiner Lehrerin in Boston vermisst habe. Kämmerling hatte sehr viele Schüler und wenig Zeit. Ich war viel allein. Das war hart, aber ein guter Prozess für mich, weil ich angefangen habe, selbstständig zu arbeiten."

Kämmerling war berühmt für seine fundierte Technik-Ausbildung, bist Du deshalb zu ihm gegangen?

William: "Ich habe bei Kämmerling sehr systematisch gelernt, wie Klavierspielen funktioniert, welche Muskeln man braucht und wie man die Bewegungsabläufe optimal koordiniert und kontrolliert."

Viele gehen einen anderen Weg in ihrer musikalischen Ausbildung, indem sie zuerst einen Schwerpunkt auf die Technik legen, Tonleitern und Etüden üben und später durch musikalische Arbeit mit einem großen Meister den letzten Schliff bekommen.

William: "Ich bin froh, dass ich zuerst einen emotionalen und danach einen objektiven, akademischen Lehrer hatte. Man kann das damit vergleichen, dass der Mensch einen Körper und eine Seele hat – und ich glaube, die Seele ist zuerst da."

Um Deine Ausbildung abzurunden, warst Du danach in Como bei der „International Piano Academy“. 7 Studenten und 10 Meisterkurse in einem Jahr – wie kann man diese Fülle von hochqualifizierten, aber oft konträren musikalischen Ansichten verarbeiten?

William:" Natürlich habe ich oft das gleiche Stück für mehrere Lehrer gespielt - und alle hatten verschiedene Meinungen. Aber sie waren alle todsicher, dass ihr Weg der einzig richtige ist. Von der Zeit habe ich für mich mitgenommen, dass man ein Stück ganz verschieden interpretieren kann, man kann nicht sagen, was richtig oder falsch ist, aber man muss eine feste Meinung haben. Wenn diese Meinung alles andere überlagert, dann ist es für einen selbst die richtige Interpretation. Denn jeder Mensch hat sein eigenes Universum."

Du hattest eine sehr fundierte und sorgfältige Ausbildung, ich stelle mir den Absprung ins aktive Konzertleben sehr schwer vor.

William: "Eine Musikhochschule ist wie ein Insel. Ich war in einer der besten Klassen der Welt, aber über Karriere haben wir nie gesprochen. Es ging immer nur um Prüfungen, Vorlesungen, Unterricht, Meisterkurse, Wettbewerbe. Wettbewerbe sind natürlich sehr wichtig für Pianisten, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Für uns gibt es nur zwei Wege: unterrichten oder selbst spielen - und alle wollen spielen. Nach meinem Studium wusste ich nicht, wo mein Leben hinführt, ich wollte nicht in Hannover bleiben, denn hier fühlte ich mich sehr eingeengt. Ich wollte in eine größere Stadt gehen. Ich war im Juli eine Woche in Berlin, es hat nur geregnet... und dann kam ich nach München und die Sonne hat geschienen. Vielleicht war das Schicksal!"